marie – claire 95/1

Hawaii-Feeling

1995 erschien der erste Artikel in Deutschland und Europa über die hawaiianische Massagekunst Lomi Lomi Nui – der Erfahrungsbericht einer Journalistin von einer Behandlung von Susan Floyd & Margarete Bundschu – in der Zeitschrift marie – claire 1995/1

Hula-Tanz, Blumenduft, Entspannung und Glücksgefühle – das alles ist Lomi Lomi Nui. Sabine Schwabenthan hat den Zauber dieser paradiesischen Massagekunst erlebt

Es gibt Tage, die einfach unter einem besseren Stern stehen. Heute zum Beispiel. Ein Anruf aus der Redaktion mit einem sehr verlockenden Auftrag. Ich soll über eine spezielle Massage aus Hawaii berichten. Sie heißt Lomi-Lomi Nui – oder auch Lomi Lomi, wird seit kurzem auch in Deutschland angeboten und manchmal von zwei oder sogar drei Therapeuten gleichzeitig ausgeführt.

Ein Blick noch ins Medizinlexikon, bevor ich starte. Da heißt es reichlich martialisch, Massage sei eine „mechanische Einwirkung auf Haut und Gewebe unter Anwendung von Kneten, Klopfen und Klatschen“. Klingt mehr nach Körperertüchtigung als nach einem lustvollen Erlebnis. Ob die Menschen von Hawaii auch nur „klopfen“ und „klatschen“? Eine Praxis in einem Vorort im Münchner Süden wurde mir als Adresse genannt.

Margarete Bundschu - Marie Claire Artikel

Susan und Margarete

Sie tragen bunte Pareos, duften nach exotischen Essenzen, sind gutgelaunt und leichtfüßig wie tropische Vögel. Zu zweit werden sie mich unter ihre Fittiche nehmen, vierhändig massieren. Margarete, Tänzerin und Körpertherapeutin, studiert seit einigen Jahren die Heiltechniken der Ureinwohner Hawaiis. Susan ist Amerikanerin und lebt seit fünfzehn Jahren auf der Hawaii-Insel Kauai.

„Insel der starken Gebete“ heißt sie bei den Ureinwohnern, weil auf ihr stets besonders machtvolle Schamanen und Heiler wirkten. Im Aloha-Institut hat Susan die Lomi Lomi erlernt, ebenso wie den heiligen Tanz (Hula) und andere mentale und körperliche Techniken aus der Schamanentradition.

Erklärungen zu dem, was mich erwartet? Wichtiger sei die eigene Erfahrung, sagt Susan. Nur so viel: Lomi Lomi Nui ist keine Massage im westlichen Sinn, sondern eine spezielle Heilzeremonie.

Bezeichnenderweise gibt es in der Sprache Hawaiis nur ein Wort für Spannung und Krankheit. Ungelöste Verkrampfungen ebenso wie seelische und mentale Blockierungen gelten dort als Hauptursache von Erkrankungen. Eine Einsicht, die von der modernen Immunforschung bestätigt wird! Traditionell gehörte die Lomi Lomi auch zu den Pubertätsriten Hawaiis. Die weisen Schamanen und Schamaninnen wußten eben, daß Mädchen und Jungen in dieser Zeit unter besonders großen Spannungen stehen.

Die Pubertät habe ich zwar schon lange hinter mir, aber Streß und Anspannung sind die gewohnten Begleiter meines Stadtlebens. Erwartungsvoll lege ich mich bäuchlings auf den Massagetisch. Das Zimmer ist tropisch warm aufgeheizt. Zu Beginn des Rituals rufen Susan und Margareter die guten Geister an, segnen mit ihrem Atem das mit duftenden Essenzen angereicherte Kokos, Mandel & Sesamöl. Ich schließe die Augen.

Der Rücken

Mit langen kraftvollen Bewegungen beginnen die vier Hände, meine Wirbelsäule herunter zum Po zu streichen. Weder zart und flüchtig, noch grob und schwer, sondern gerade richtig.

Kein Zentimeter meiner Rückseite wird ausgespart, kein Muskel, keine Sehne vergessen, übergangen oder vernachlässigt. An härteren, verspannten Stellen drücken Susan und Margarete  nicht mit den Händen sondern mit den Unterarmen und streichen die Spannung langsam aus. Im Rücken steckt die Zukunft des Menschen, sagt man in Hawaii. Wir sehen sie nicht, aber sie ist bereits gegenwärtig. Um sie positiv zu beeinflussen, ist die Massage dieser Partie dynamisch und energiegeladen.

Traditionell wird Lomi-Lomi Nui von mehrstimmigen Heilgesängen begleitet – hier in Gräfelfing bei München muß ein Recorder einspringen mit heiteren, lebensfrohen Melodien aus Hawaii, die Bilder von Sonne und glücklichen Tagen heraufbeschwören. Susan und Margarete singen oder summen leise mit.

Die unbeschwerten Lieder, die Stimmen der Frauen, die Berührungen und mein Atemfluß verschmelzen allmählich zu einem Rhythmus, zu einer Welle. Vom Scheitel bis zu den Sohlen und in den vier Ecken – Hüften und Schultern – beginnt mein Körper sich zu entspannen, ja sich förmlich auszudehnen. Irgendwann hört das Zeitgefühl auf zu existieren. Und als Susan mich leise auffordert, mich auf den Rücken zu drehen, ist bereits eine Stunde oder mehr vergangen. Ich kann mich kaum rühren, spüre eine Art lustvoller Lähmung wie in einem sehr tiefen Heilschlaf. Susan und Margarete helfen mir vorsichtig auf die andere Seite.

Der Rücken - Marie Claire Artikel
Der Bauch - Marie Claire Artikel

Alles geschehen lassen und nur genießen!

Der Bauch

Ebenso ausführlich, aber eher sanft wird jetzt die Vorderpartie behandelt. Im Bauch steckt deine Vergangenheit, sagen die Schamanen. Hier sind Gefühle, Erinnerungen an Schmerzen, Kränkungen und Verletzungen gespeichert. Nur mit äußerster Behutsamkeit können sie gelöst werden, der Körper soll sie ausatmen, bereitwillig hergeben, loslassen. Auch die Begleitmusik klingt nun anders: mütterlich und tröstend wie ein Wiegenlied.         

Ohne Hast und mit viel Geduld widmen sich die vier Hände zum Schluß meinen „vier Ecken“: Schultern und Hüften werden sanft gehoben, gedehnt, geschaukelt, denn hier nistet oft besonders viel Spannung. Ich spüre es förmlich, wie sich im rechten Schultergelenk irgendein altes Weh seufzend auflöst.

Ganz langsam lassen Susan und Margarete dann ihre Hände sinken und sprechen einen Schlußsegen. Wie Wasser fühle ich mich jetzt, Wasser, das sanft und beständig fließt. Ein ozeanisches Gefühl von Frieden, und dazu eine selten so tief gekostete Erfüllung. Alle Massagen, die ich bisher erlebte – auch die besten – hatten einen Makel: Sie waren immer zu schnell vorbei! Diesmal bin ich satt geworden. Bei Lomi-Lomi Nui gibt es ursprünglich keine vorgegebene Zeit, erklärt mir Susan später. Der Heiler richtet sich nicht nach der Uhr, sondern nach dem Grad der Entspannung. Behandelt wird so lange, bis die im Augenblick tiefst mögliche Lösung erreicht ist. Im alten Hawaii waren Massagezeremonien von mehreren Stunden, manchmal sogar Tagen, durchaus keine Seltenheit.

Nach zwei Stunden wieder fit fürs Leben!

Susan Floyd und Margarete Bundschu - Marie Claire Artikel

Mana und Aloha

Bei mir hat es etwas mehr als zwei Stunden gedauert. Sehr langsam komme ich zurück in den Raum. Bin wieder in München und nicht irgendwo in den Fluten meiner ozeanischen Gefühle. Blicke in die Gesichter von Susan und Margarete. Sie sehen sehr erfrischt und rosig aus. Kein bißchen angespannt oder müde durch die Arbeit. „Das ist die kräftigende Wirkung von Mana“, sagen Susan & Margarete.

Mana? Wie die östlichen Philosophien beruht auch die hawaiianische auf der Vorstellung, daß der gesamte Kosmos und alle Lebewesen von Energie durchströmt sind. (Chi oder Prana in Asien, Mana in Hawaii)
Je freier Mana im Körper fließen kann, desto gesünder ist der Mensch. Anders jedoch als östliche Therapeuten, arbeitet der hawaiianische Heiler nicht mit einem vorgegebenen System von Energiebahnen (Meridianen) und Punkten. Er oder sie läßt sich bei der Arbeit von der Intuition der Hände leiten. Bis dieses Gespür voll entwickelt ist, bedarf es einer langen Ausbildung – viele Jahre kann sie dauern.

Kahuna Körperarbeit

Um sich bei der Lomi Lomi Nui nicht zu verkrampfen, sondern selbst offen für Mana zu bleiben, stehen Susan und Margarete während der Massage nie still (sind Susan & Margarete stetig in Bewegung, bewegen Becken und Hüften in den weichen, rhythmischen Schleifen des Hula-Tanzes. Das konnte ich hinter meinen geschlossenen Augen zwar nicht sehen, aber irgendwie spüren. Wie ein lebendiges Schwingen, das sich auf meinen Körper übertrug.

Auch ein zweites großes Lebensprinzip Hawaiis habe ich kennengelemt: Aloha. In keiner Sekunde waren die Hände, die mich berührten „leer“. Und die Menschen, zu denen diese Hände gehören, hatten ihre Gedanken immer bei mir, nie irgendwo anders. Mehr als zwei Stunden ganz für mich. Das ist Aloha, ein Begriff, der oft mit „Liebe“ übersetzt wird. Aber wörtlich bedeutet er: Lieben heißt glücklich zu sein mit dem was ist! Und auch: Das freudvolle Teilen der Lebensenergie im gegenwärtigen Moment! Das ist eine stimmige Umschreibung meiner berührenden Erfahrung mit Susan und Margarete! Danke & ALOHA!

Die Inseln Hawaiis (zwanzig größere und viele Inselsplitter) gehören heute zwar zu den USA, sind ursprünglich aber Teil der riesigen alten Inselkultur Polynesiens. Auch Neuseeland, Tahiti, die Osterinseln und Samoa zählen dazu. Nach ihrer Überlieferung haben die Hawaiianer (wie andere indigene Kulturen ebenso) ihr Wissen und ihre Lebensphilosophie (Huna) vor langer Zeit „von den Sternen“ erhalten – von hochentwickelten Besuchern aus fernen Galaxien. Gehütet wurde dieses Wissen über Tausende von Jahren von den Kahunas (naturbasierten Weisen und Heilern). Nach der Entdeckung durch James Cook (1778) begann die Herrschaft der Weißen (erst der Engländer, dann der Amerikaner). Huna wurde erbarmungslos von christlichen Missionaren als „schwarze Magie“ bekämpft und in den Untergrund gedrängt. So war es den Hawaiianern bis in die 1980er Jahre verboten, ihre Sprache zu sprechen und ihre Rituale durchzuführen – genau wie den nordamerikanischen Indianern. Heute erleben die indigenen Kulturen jedoch eine gewisse Renaissance. Auch die Kahuna Körperarbeit wird auf Hawaii wieder gelehrt und öffentlich praktiziert.